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iteration.1
Tunnelblick

Der große Knall ist gekommen und gegangen. Die Adria ist auf einen schmalen Fluss geschrumpft und hat eine fruchtbare Tiefebene mit schwerer, salziger Scholle hinterlassen. Umkämpftes Land, denn sowohl die purgischen Wiedertäufer aus dem ehemaligen Italien als auch die wilden Voivoden der Balkhaner erheben Anspruch darauf. Und so hat man sich verkeilt entlang beider Seiten des Flusses. Hier reihen sich Stacheldraht, Fallen, Minenfelder, Wachtürme und Gräben, lehnen Wiedertäufer und Voivodatstruppen aneinander wie erschöpfte Ringer.

In Domstadt nennt das Täufer-Konzil diesen Bereich "die Adriafront". Wer näher dran ist, nennt sie "den Fleischwolf". Die Jugend beider Seiten verreckt in den wechselseitigen Vorstößen und Rückzügen, während die Alten als Versehrte das Land bestellen müssen. Die Moral ist auf dem Tiefpunkt.

Auf der purgischen Seite hat man in alten, verfallenen Kapellen Schreine errichtet: Wallfahrtsorte für die gläubigen Purger, wo sie die heiligen Reliquien küssen können. Ein verschrumpelter Finger, der Becher Rebus´ des Täufers... sie ziehen Gläubige aus ganz Purgare an. Heilkräftige Wirkung sollen sie besitzen. Manch ein Krüppel wirft hier seine Krücken weg, Blinde können wieder sehen. Alles Humbug? Sind andere Dinge im Spiel? Hat der starke Glaube dies bewirkt? Die Spitalier haben eine Reihe von Tests durchgeführt, um die Echtheit zu bestätigen. Doch noch sind die Ergebnisse geheim.

Täuschung oder nicht: die Schreine leisten der Front auf ihre Weise Vorschub. Manch einer ist nach seiner Heilung von religiösem Fieber und Dankbarkeit erfüllt, weiht sich der Wiedertäufer-Bewegung und nimmt seinen Platz an der Front ein. Willkommen im Fleischwolf, Kamerad! Die anderen spenden zumindest großzügig für die Kriegskasse. Und das bedeutet mehr Munition, mehr Futter, mehr Medikamente – und Destillat und Nutten, um die Kämpfer bei Laune zu halten.

Die Reliquiare sind den Voivoden ein Dorn im Auge. Ihre Front bröckelt, die Wiedertäufer können wieder Boden wettmachen. Der Voivode Sarevic musste bereits seine Haustruppen entsenden, um der Lage Herr zu werden, und andere Voivoden schielen bereits gierig nach seinem Grund und Boden.

Sarevic ist verzweifelt. Er hat seine Häscher, eine Eliteeinheit ausgeschickt. Ein Kommandounternehmen: bringt mir eine dieser Reliquien! Vielleicht kann man sie als Fälschung entlarven, oder als Druckmittel einsetzen. Die Soldaten haben im Schutz der Nacht die Adria überquert, einen Schrein gestürmt und sind mit dem Becher des Täufers auf dem Rückweg.

Angelo Vettra, genannt "der Tribun", ist ein hartgesottener Veteran der Wiedertäufer, ein schlauer Fuchs und schon über acht Jahre am Fleischwolf. Er hat den Braten gewittert und mit seiner Rotte den Soldaten den Weg versperrt. Beim Übergang über die Adria hat er sie zum Kampf gestellt und gezwungen, mit ihren Verwundeten nach Norden zu fliehen – Vettras Rotte hart im Genick.


Schwenk nach Norden: hier liegt Occams Messer, ein Handelsposten, der beide Seiten bedient. Neutraler Boden. Hierhin flüchtet sich das Voivodatskommando, in die vermeintliche Sicherheit. Aber die Täufer folgen dichtauf. Sie stürmen das Gebäude, es kommt zum Kampf, und bevor die Streitenden getrennt werden können, liegt der Hetmann der Soldaten mit zerschmetterter Hüfte am Boden. Nichts mehr zu machen, sagen die Ärzte, und zucken die Schultern.

Wo ist jetzt der Becher? Der Hetmann muss ihn versteckt haben. Vettra stellt ein Ultimatum. Eine Stunde! Bringt mir den Becher oder wir legen euch alle um.

Doch so einig scheint die Täufer-Rotte nicht zu sein. Während Vettra und der Unterführer der Soldaten von einem Richter an einen Tisch gebeten werden, zu einem "klärenden Gespräch" – so nennen es die Advokaten – fallen ihm die Täufer in den Rücken. Bildlich gesprochen. Sie kassieren Bestechungsgelder – "hier, nehmt, aber wenn es hier losgeht, lasst mich bitte am Leben!". Man gesteht, dass man mit dem fanatischen Tribun unglücklich ist. Viel lieber eine friedliche Lösung. Wer will schon zurück in den Fleischwolf, ob mit Becher oder ohne?

Unterdessen bietet eine Apokalyptikerin eine Karte und Medikamente unter der Hand zum Verkauf an – nicht viel an unter dem Mantel, die Kleine! Was? Ach ja, Medikamente. Auch andere Geschäfte werden abgewickelt. Ein gesuchter Verbrecher wird von den Neolibyern gestellt (wer hat eigentlich die Schwarzhäute hier reingelassen? So neutral kann´s hier doch nicht sein!). Der frankische Arzt kümmert sich um die Verletzungen des Outlaws – und verschachert ihn selbst an den Wirt. Zweihundert Wechsel mehr in der Kasse... und die Africaner haben das Nachsehen.

Der Wirt Merrick, mittlerweile in übler Bedrängnis durch die Wiedertäufer, wirft sich in die Arme des Protektorats. Der Richter hat ihm ein Angebot gemacht, dem er sich nicht verschließen kann. Also: in Zukunft gilt hier das Recht der gerechten Faust! Und dafür werden bald ein paar Schlapphüte hier auftauchen, die ein Auge auf den Abschaum haben.

Was will der denn hier? Der Chronist wirkt mit seinem Umhang und der Maske ziemlich deplaziert. Der Cluster ist verdammt weit weg. Das ist Ostborca, Mann! Nadelturm-Fiasko? Schon gehört? Aber er benimmt sich, wie man es erwartet. Kauft Schrott auf. Etwas lustlos allerdings... fast, als hätte er noch etwas anderes zu tun. Auch bei der Suche nach den angeblich gefälschten Wechseln übt er kaum Druck aus. Er beobachtet. Stellt Fragen. Was will der hier?

...

Das Vorhängeschloss am Stahlschott ist neu. Das macht die Gäste misstrauisch. Unter den wachsamen Augen des Richters öffnen eine Apokalyptikerin und ein zwielichtiger Kerl das Schloss mit Dietrichen. Jetzt kommt Leben in die Voivodatssoldaten! Messer blitzen, und Menschen gehen zu Boden. Zu spät: die Apokalyptikerin und ihr Komplize haben den Richter niedergeschlagen und den Becher an sich gerissen. Der letzte Täufer verschwindet humpelnd in der Dunkelheit. Und der Chronist verschränkt die Hände. Er hat noch andere Eisen im Feuer.