
Was passiert eigentlich, wenn der Weltrettungsplot mal fehlschlägt?
- Das Endzeitgenre
Kaputte Welt
Es gibt einen großen Knall. Der Dritte Weltkrieg bricht aus, ein
Meteorit trifft die Erde oder die Dämonen aus der achten Dimension
verwüsten die Oberfläche des Planeten. Vielleicht ist es auch
einfach der Treibhauseffekt, der außer Kontrolle gerät und
die Menschen zum Überleben in unterirdische Bunker treibt. Und die
Erde ward wüst und leer...
Ein paar Jahre später. Die Überlebenden kriechen aus ihren
Löchern und finden eine kaputte Welt vor: Trümmerfelder,
soweit das Auge blickt, ausgebrannte Autowracks, Wüsten, ein
zerstörtes Ökosystem.
Anarchie und Darwinismus
Die
Umwelt ist hart und lebensfeindlich geworden und bedroht den Menschen:
mit Strahlung, mit mutierten Pilzsporen oder Giften. Man schützt
sich mit Filtern und Geigerzählern, kocht sein Wasser ab. Teile
der Menschheit und der Fauna passen sich an, mutieren, entfernen sich
immer weiter von der Spezies Mensch. Aggressiv fordern sie ihr Recht
als neue Krone der Schöpfung ein. Homo Sapiens schlägt
zurück, vertreibt die Mutanten mit der Gewalt der Bajonette in die
Schlechtlande.
Schlimmer als alle diese Bedrohungen ist aber der Mensch selbst:
rücksichtslos nimmt sich jeder die Ressourcen, die er zum Leben
braucht. Ein Menschenleben ist nicht mehr viel wert – für
eine Flasche unversportes Wasser, eine Handvoll Patronen oder eine
ungeöffnete Konservendose hat der eine oder andere schon sein
Leben lassen müssen. Was uns heute zumindest moralisch
fragwürdig erscheint, gehört in der Endzeit zum guten Ton und
dient dem Überleben. Ethik ist zum Luxusgut geworden und hat sich,
zusammen mit Reinlichkeit und guten Manieren, weitgehend aus dem
Repertoire der Menschheit subtrahiert.
Einsame Wölfe und totalitäre Kulte
Jeder Mensch ist mit seinen Fähigkeiten wichtig für die
kleinen Gemeinschaften, die sich um des Überlebens willen
zusammengefunden haben. Der Individualismus feiert fröhliche
Urständ - jeder zieht an, was ihm gerade passt, zeigt seine
Einzigartigkeit durch eine ausgefallene Art, sein Haar zu tragen, durch Tätowierungen, neckisch zugefeilte Zähne oder
durch seine Sammlung von Barbiepuppenköpfen um den Hals. Wer will
ihm auch hereinreden?
Auf der anderen Seite der Medaille gedeihen Kulte und Organisationen,
die ihre Anhänger gleichschalten: ob die Holnisten, die Spitalier,
Weltuntergangskirchen oder die Bruderschaft des Stahls, sie gruppieren
sich meist um einen charismatischen Anführer und seine
wahnhafte Vorstellung von einer neuen Weltordnung. Einheit und
Disziplin sind ihre Stärke. Oft droht ein solcher Kult, alle frei
denkenden Menschen, die auf der Erde verblieben sind, unter seine
faschistische Herrschaft zu zwingen.
Steinkeile und Nanotechnik
Technologie ist ein zweischneidiges Schwert. Viele Stämme der
Menschen sind wieder auf dem Niveau der Steinzeit unterwegs und
schlagen sich mit Feuersteinäxten den Schädel ein. An anderen
Stellen der Welt mag es noch Lasertechnik, Pumpwerke und
funktionierende Supercomputer geben, oder zumindest Feuerwaffen und
Antibiotika ... Relikte des sagenhaften Urvolks, eifersüchtig
gehütet von ihren Besitzern und oft zu heiligen Gegenständen
verklärt. Vieles wird zweckentfremdet. Ein alter Chevy-Autositz
wird zum Thron eines Stammeshäuptlings, ein Verkehrsschild zur
Rüstung, man montiert ein improvisiertes Katapult aus Kranteilen
auf seinen Schrottbuggy.
Keine Zeit für Helden
In
dieser harten Welt zu spielen, stellt einen Rollenspieler vor
große Herausforderungen. Bewahrt die eigene Spielfigur ihre
Ideale, oder wird sie zum rücksichtslosen Opportunisten wie alle
Welt auch? Versucht sie aktiv am Aufbau einer neuen, besseren Welt
mitzuwirken? Oder ist sie der Meinung, dass sowieso alles den Bach
heruntergeht, und man den Abgesang auf die Menschheit lieber mit
Destillat, Weib und Gesang feiert? Ist der Charakter ein Freidenker, ein
Anhänger eines fanatischen Kultes, oder will er einfach nur
überleben und in Ruhe gelassen werden?
Willkommen also, Fremder, in der kaputten Welt.